Nach dem Ironman Mallorca im September 2014 hatte ich einige Mühe, Birgit zu einem weiteren Langdistanzstart zu überreden. Letztendlich gelang es mir, aber es sollte dann definitiv der letzte sein, im Sommer, aber nicht zu früh, da wir als Schönwetterfahrer die Rennradsaison immer erst frühestens im März beginnen.
Challenge Vichy Ende August – perfekt – aber irgendwie war die Internetseite nicht mehr online. Schließlich fanden wir heraus, dass die Veranstaltung in 2015 erstmals als Ironman ausgetragen wird. Da die Rennen ja oft schnell ausgebucht sind, haben wir Anfang des Jahres Wohnwagen und ein zugstarkes Auto bei der Familie organisiert, die Anmeldung vorgenommen und den altbewährten Trainingsplan von Triathlon-Szene heraus gekramt. Dieser sollte auch diesmal unser Anhaltspunkt für die kommenden Trainingsmonate sein.

Fünf Tage vor dem Wettkampf dann die Ankunft auf dem Campingplatz nahe Vichy: Wir wurden empfangen von sonnigen 30°C, mit deutlich steigender Tendenz bei den Aussichten. Natürlich war ein beträchtlicher Teil des Campingplatzes von Triathleten belegt, und Birgit war mächtig imponiert von den Zeitfahrrädern der Mitstreiter. Unsere Rose Alurennhobel sahen dagegen etwas amateurhaft aus. Aber Scheibenräder rollen ja bekanntlich auch nicht von alleine.
Ab Freitag war klar: Der Sonntag würde uns ein Rennen bei 35°C und Sonne pur bereiten, und irgendwie hatten wir die Vermutung, dass die Franzosen mit diesem Bedingungen gewohnheitsmäßig deutlich besser klarkommen würden als wir. Wir grübelten darüber, wie man das Rennen bei den Bedingungen am besten gestaltet, gerade auf der Laufstrecke war mangels Bewuchs und Bebauung mit kaum Schattenpassagen zu rechnen. Da ich noch nie einen Pulsmesser besessen habe, konnte ich mich wie immer nur an meiner Watt-Formel orientieren: Also immer „watt geht“, die Taktik sollte sich dann aber später rächen.
Sonntag, 30.08.:
Für mich fiel um 7:08 Uhr der Startschuss, und nach ungefähr der Hälfte der Strecke sah ich zufällig Birgit an mir vorbeischwimmen, sie war 4 min später gestartet. Trotzdem war ich mit meiner Schwimmzeit (1:13:34) gut zufrieden, und vermutete, dass ich Birgit (1:06:47) nach etwa 60 km Rad wieder einholen würde. Bei km 52 konnte ich dann an ihr vorbeifahren und bis dahin und weiter bis km 100 lief das Rennen für mich reibungslos. Doch plötzlich war der Akku leer, ohne dass ich bisher sagen kann, woran es lag. Das Tempo sackte massiv ab und mir wurde klar, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis Birgit wieder an mir vorbeifahren würde. So geschah es dann bei km 150. Birgit sah mich mit verdutzter Miene an: „Was machst Du denn hier?“ „Heute geht nichts…“ und schon war sie fast wieder außer Sichtweite. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich das Rennen schon abgehakt und wollte nur noch irgendwie ankommen. Dass der Lauf ein Krampf werden würde, war mir schon klar. Nach 5:47:54 auf dem Rad ging es in die Laufschuhe. Mit einer Radzeit vom 5:49:17 war Birgit aufgrund der Schwimmzeit vor mir unterwegs, trotz ihres 4 Minuten späteren Starts.
Auf der Laufstrecke konnte ich aber wegen eines Dixi-Stopps von Birgit noch mal kurz aufholen, und eine Cola bei km 8 hat den Körper dann noch mal kurz angetrieben. 4 km später musste ich dann auch mal in die Büsche, und Birgit zog wieder vorbei – ohne zu wissen, dass ich nun wieder hinter ihr war. Die Cola (okay 2 Becher Cola und 3 Tuc-Cracker) bekamen meinem Verdauungstrakt gar nicht. Ab jetzt hatte ich fiese Schmerzen und Krämpfe im Unterbauch und begann mit den ersten Gehpausen. Ab km 20 wurde es dann zu einer Wanderung. Mein 38. Marathon sollte mit 5:09:02 der mit Abstand langsamste werden…
Nach einer gefühlten Ewigkeit kam ich mit 12:17:56 ins Ziel, absolut enttäuscht und völlig fertig. Dort bin ich dann direkt zu den Kleiderbeuteln weitergewandert und habe Birgit angerufen, die mich schon vermisst hatte und gerade beim medical service gefragt hatte, ob man mich irgendwo aus dem Rinnstein gekratzt hätte. Aber nein, alles okay, ich lebte noch und hatte auch das Finisher-Shirt in der Hand, meine letzte Motivation auf der zweiten Marathonhälfte.
Und dann kam der Hammer: „Wir fahren nach Hawaii!!“ Unglaublich, bei den Bedingungen hatte Birgit den Marathon in 3:44:08 abgespult und damit die AK W 35-39 in einer Gesamtzeit von 10:47:44 gewonnen. Das hat auch für mich den Tag noch perfekt gemacht, wir beide kriegten das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht.
Zurück am Campingplatz saß ich dann entspannt vor dem Wohnwagen und trank genüsslich ein paar Bier auf Birgits Erfolg, während sie selbst mit einem Eimer im Arm versuchte, die letzten Gelreste aus dem Magen zu würgen. Also irgendwie doch alles richtig gemacht ☺

Es sollte ja eigentlich die letzte Langdistanz werden, aber Birgit muss jetzt noch mal ran. Das hat sie sich selbst eingebrockt…
Hawaii – wir kommen…